Eperlecques

V2 Stellung Kraftwerk Nord-West

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Eperlecques, Frankreich
+ sehr gut erhalten, Atmosphäre, Ausstellung, Informationen auf Deutsch, Eintrittspreis
– Website etwas unübersichtlich

Die „V-2 Stellung Kraftwerk Nord-West (KNW)“ in Eperlecques stammt aus dem zweiten Weltkrieg, der Bunker sollte V-2 Raketen über zwei Bahngleise in Empfang nehmen, lagern, mit Treibstoff und Sprengladung befüllen und über zwei Startplätze Ziele in England angreifen. Der größte deutsche Bunker im Norden Frankreichs hat eine Höhe von 28 Metern, die 5 Meter starke Decke hielt allen Angriffen stand, die teilweise zerstörte Anlage ist heute im Original zu besichtigen, ich hoffe meine Eindrücke vom Juli 2021 sind bei der Planung eines Besuches hilfreich.

Information

Die offizielle Website vom Le Blockhaus D’Éperlecques ist auf Französisch und Englisch verfügbar, eine deutsche Sprachversion gibt es leider nicht. Die Informationen sind teilweise übersichtlich, aber auch teilweise etwas unübersichtlich geraten. Eine Startrampe für die V-1 Rakete ist auf dem Gelände neben dem Bunker zu sehen, mir fehlt der Hinweis das die Anlage selbst wohl „echt“ ist aber nie hier so aufgebaut wurde. Eine virtuelle Ansicht mit 360° Grad Rundumblick zeigt das im negativen Sinne deutlich.

Lage

V2 Stellung Kraftwerk Nord-West, Eingang zum Gelände, Rue du Sart, 62910 Eperlecques, Frankreich
V2 Stellung Kraftwerk Nord-West, Eingang zum Gelände, 81 Rue des Sarts, 62910 Eperlecques, Frankreich

Der Bunker befindet sich im Landesinneren im Norden von Frankreich, in etwa in einem Dreieck von Calais im Westen, Dünkirchen / Dunkerque im Osten und zehn Kilometer nordwestlich von Saint-Omer im Süden. Die Lage bot Schutz vor Angriffen von See, zwar nicht wirklich wichtig, da die Angriffe ja später von der Luft kamen und durch die Eisenbahnlinien und zur Not auch Wasserstraßen in der Nähe gute Bedingungen für den Nachschub an Baumaterialen und später die geplante Lieferung der V-2 Raketen aus Deutschland.

Anreise mit dem Mietwagen

Die Anreise mit dem Auto oder Motorrad ist denkbar einfach, man konnte das Sonderziel „Blockhaus d’Eperlecques“ in das Navigationsgerät eingegeben, das Mio™ Pilot 15 LM GPS Auto Navigation hatte das Sonderziel gespeichert. Die Anschrift mit Postleitzahl reicht alternativ, die Ausschilderung vor Ort ist vorbildlich. Der Bunker liegt in einem Waldgebiet etwas außerhalb des Dorfes, es gibt direkt auf dem Gelände einen großen und kostenlosen Parkplatz.

Preis

10,– € hatte ich mit Bargeld bezahlt, Kinder 8 bis 14 Jahre zahlen reduziert 6,50 €.

Öffnungszeiten

Die Öffnungszeiten sind während des Jahres sehr unterschiedlich, im Juli 2021 war täglich 10:00 – 19:00 geöffnet, man sollte sich vor dem Besuch über die aktuellen Zeiten auf der Website informieren.

Audio Guide

Ein Audio Guide mit großen Lautsprechern gibt es an verschiedenen Stationen auf Französisch, Englisch, Niederländisch und Deutsch. Es reicht den Knopf für die gewünschte Sprache zu drücken und den Erklärungen zu folgen, in den Bereichen gibt es Sitzgelegenheiten und man kann auch auf Schautafeln zusätzliche Informationen bekommen.

Bunker

V2 Stellung Kraftwerk Nord-West, Eperlecques, Frankreich, Bunker mit Öffnungen für Luftanschlüsse
V2 Stellung Kraftwerk Nord-West, Bunker mit Öffnungen für Luftanschlüsse

Der Hauptbunker hat eine Höhe von 28 Metern, teilweise findet man auch eine Angabe von 33 Metern, vermutlich mit der 5 Meter starken Decke des Bunkers. Die Länge ist mit 75 Metern und die Breite mit 40 Metern angegeben. Der gesamte Komplex mit unterirdischen Bahnhof wäre 216 Meter lang, 95 Meter breit und ebenfalls 28 Meter hoch gewesen. Der Bunker ist teilweise unterirdisch und somit sieht er auf diesem Bild nicht so hoch aus.

Die Bauarbeiten durch die Organisation Todt begannen im März 1943 und wurden im August 1943 zum ersten Mal durch Luftangriffe gestört und unterbrochen. Der Bau wurde im November 1943 fortgesetzt, insgesamt wurden 35 000 Zwangsarbeiter aus Frankreich, Belgien, Niederlande und Russland in jeweils 12 Stunden Schichten Tag und Nacht eingesetzt. Es wurden 131 000 m³ Beton verbaut. Die teilweise Fertigstellung war im Januar 1944, drei Kompressoren konnten Flüssigsauerstoff herstellen. Die Anlage war aber nie in Betrieb.

Das 5 Meter dicke Dach des Bunkers wurde während des Baus als Schutz genutzt, in der „Schildkröten Bauweise“ wurde es mit Hydraulik angeboben und die Seitenwände wurden gebaut, nach dem Abschnitt wurde das Dach wieder angehoben und der Vorgang wiederholte sich. Die Art den Bau in Höhe zu treiben hatte auch noch den Effekt, das die Luftaufklärung mit den damaligen Mitteln gar nicht sehen konnte ob oder wie schnell der Bunker gebaut wurde.

Luftangriffe

V2 Stellung Kraftwerk Nord-West, Eperlecques, Frankreich, Zerstörungen durch britische und US amerikanische Angriffe
V2 Stellung Kraftwerk Nord-West, Zerstörungen durch britische und US amerikanische Angriffe

Die ersten Luftangriffe der RAF Royal Air Forces gab es im August 1943, sie hatten die Bauarbeiten nur leicht gestört. Der technische Fortschritt führte zur größeren Bomben, im Juni 1944 und Juli 1944 wurden insgesamt 32 Tallboy Bomben abgeworfen. Die Zerstörungen waren schwer, aber der Hauptbunker hielt stand, die Sprengkraft der Bombe wird anschaulich wenn man sich die Krater mit 30 Meter Durchmesser ansieht. Die alliierten Luftangriffe verfehlten den Bunker und töteten viele Arbeiter die auf dem Gelände oder in der Umgebung waren.

Planänderung

Der Plan wurde nach der Zerstörung durch die Tallboy Bomben geändert, der erhaltene südliche Bunker sollte nur noch für die Produktion von flüssigen Sauerstoff genutzt werden. Der Plan die V-2 von hier zu starten wurde aufgegeben.

Bahnhof

V2 Stellung Kraftwerk Nord-West, Eperlecques, Frankreich, unterirdischer Bahnhof mit zwei Gleisen
V2 Stellung Kraftwerk Nord-West, unterirdischer Bahnhof mit zwei Gleisen

Die Gleise hätten eine Anbindung an Calais an der Küste und Saint-Omer im Landesinneren bekommen, der Bahnhof wäre ebenfalls als Bunker gegen Luftangriffe gesichert. Der hier sichtbare Abschnitt ist nur teilweise fertiggestellt und auch teilweise zerstört worden. Eine Straße hätte für den Fall der Zerstörung der Eisenbahnstrecke als Ersatz für den Nachschub gedient, eine Garage zwischen den beiden Gleisen wäre für die Verladung geeignet. Der Bereich mit den Gleisen steht unter Wasser, das Grundwasser müsste ständig abgepumpt werden.

Flüssiger Sauerstoff

Die Produktion von flüssigen Sauerstoff wurde mit 5 Gruppen von Kompressoren geplant. Eine V-2 Rakete benötigt 4,7 Tonnen flüssigen Sauerstoff, geplant wurde mit 5 Tonnen pro Rakete um Verluste auszugleichen. Die Siedetemperatur bei normalen Druck liegt bei minus 183 ° Celsius, ein Liter Flüssigsauerstoff entspricht einer Gasmenge von 853 Litern. Die Herstellung und Lagerung von Flüssigsauerstoff ist wie man sich auch als Laie vorstellen kann gefährlich.
https://de.wikipedia.org/wiki/Flüssigsauerstoff

Zeichnungen und Baupläne

V2 Stellung Kraftwerk Nord-West, Eperlecques, Frankreich, Übersicht der gesamten Bunkeranlage
V2 Stellung Kraftwerk Nord-West, Übersicht der gesamten Bunkeranlage

Der Bunker dürfte im Prinzip unzerstörbar sein, die Übersicht der gesamten Bunkeranlage und eine dreidimensionale Zeichnung findet man direkt auf der Website.
http://www.leblockhaus.com/en/presentation/bunker/

Vorbereitung

V2 Stellung Kraftwerk Nord-West, Eperlecques, Frankreich, Modell der V2 vor der nicht gebauten Stahltür
V2 Stellung Kraftwerk Nord-West, Modell der V2 vor der nicht gebauten Stahltür

Die V-2 wäre in dem Vorbereitungsbereich mit einem Kran von der waagerechten Transportlage in die senkrechte Position nach oben gehoben worden. Die 14 Meter lange Rakete stand dann auf einem Transportgestell, wäre mit flüssigen Sauerstoff betankt und Sprengköpfen bestückt worden um dann über das Gleis durch die 17,5 Meter Schwenktür zum Abschussplatz transportiert worden. Es gibt zwei solcher geplanter Transferplätze.

Abschussplattform

V2 Stellung Kraftwerk Nord-West, Eperlecques, Frankreich, Nicht gebaute Stahltür (rot markiert)V2 Stellung Kraftwerk Nord-West, Eperlecques, Frankreich, Zeichnung V2 Vergleich Größe Mensch
V2 Stellung Kraftwerk Nord-West, nicht gebaute Stahltür (rot markiert)Zeichnung V2 Vergleich Größe Mensch

Die südliche Seite hätte auf der linken und der rechten Seite jeweils ein 17,5 Meter hohes und circa 200 Tonnen schweres Stahltor bekommen um die V-2 auf einem Gestell nach außen zu befördern und dann von dort zu starten. Der ebenfalls nicht fertiggestellte Kontrollturm hätte sich in der Mitte der Längsseite des Bunkers befunden. Die von mir eingezeichneten roten Linien zeigen den Ort des geplanten Stahltores. Die V-2 Rakete hat eine Länge von 14,03 Metern, einen Durchmesser von 1,65 Metern, ein Gewicht von 12,5 Tonnen, eine maximal Geschwindigkeit von 5472 Km/h (Mach 4) und eine Reichweite von circa 300 Kilometern. Die Größe der Rakete wird mit dem Menschen auf dem Schaubild deutlich.

geplanter Betrieb

Die V2 Stellung Kraftwerk Nord-West (KNW) hätte mit 250 Soldaten eine Kapazität von 36 V-2 Starts pro Tag gehabt, die Produktion von Flüssigsauerstoff vor Ort reichte aber selbst dafür nicht aus, es hätte mehr von anderen Produktionsstätten angeliefert werden müssen.

Freilichtmuseum

Le Blockhaus D’Éperlecques Freilichtmuseum, Güterwagen der Deutschen ReichsbahnDie Betreiber des Le Blockhaus D’Éperlecques haben auf dem Gelände rund um die V-2 Stellung Kraftwerk Nord-West ein Freilichtmuseum eingerichtet. Die Ausstellungsstücke sind teilweise Original ober haben Bezug zur Bunkeranlage, einige wie ein Ein-Mann U-Boot oder die V-1 Startrampe gehören aber offensichtlich nicht zu der Anlage. Ich hoffe meine Eindrücke vom Juli 2021 sind bei der Planung des Rundganges hilfreich, hier der komplette Freilichtmuseum Bericht.

Andenken

V2 Stellung Kraftwerk Nord-West, Eperlecques, Frankreich, Bücher, DVD und Modell im Andenken Ladengeschäft
V2 Stellung Kraftwerk Nord-West, Bücher, DVD und Modelle im Andenken Ladengeschäft

Das Ladengeschäft mit Büchern, DVD und Modellen befindet sich am Eingang.

Kontakt

Telefon +33 3 21 88 44 22
Telefax +33 3 21 88 44 84
e–mail über ein Kontaktformular auf der Website

Adresse

Le Blockhaus D’Éperlecques
81 Rue des Sarts
62910 Eperlecques
Frankreich

Internet

http://www.leblockhaus.com/en/

Fazit

Das Freilichtmusuem führt mit dem Rundgang an den fertiggestellen und den nicht fertiggestellten Teilen der gigantischen Bunkeranlage vorbei, im Inneren der riesigen Hallen sieht man die Bereiche der Kompressoren für die Flüssigsauerstoffherstellung und die Startvorbereitungen der V-2 Rakete. Die Deckenhöhe von gut 20 Metern ist noch nicht einmal vollständig sichtbar aber trotzdem wie der gesamte Komplex beeindruckend.